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  • AutorenbildNicole Vergin

Eine verwaiste Tochter

Innerhalb von zwei Jahren sind meine Eltern verstorben. Mein Vater mit 77 Jahren, meine Mutter war bereits 87 Jahre alt. Und ich mit meinen damals 48 Jahren alt genug, um auf eigenen Füßen zu stehen, und mein Leben ohne sie zu leben. Trotzdem fühlte ich mich wie eine Waise. Und bei dem Gedanken schwappte sofort ein schlechtes Gewissen in mir hoch. Schließlich hatte ich dankbar zu sein, dass meine Mutter 39 Jahre lang an meiner Seite war. (Mein Vater ist eine andere Geschichte, die ich ein anderes Mal erzähle).


Bei Wikipedia steht unter dem Begriff Waise: Als Waise (...) oder Waisenkind wird ein Kind bezeichnet, das einen oder beide Elternteile verloren hat. (...) Dieses Kind wird nur Waise genannt, wenn der Verlust der Eltern während der Kindheit oder im Jugendalter stattfand.


Ich war also mehr als drei Jahrzehnte zu alt, um als Waise zu gelten. Und trotzdem fühlte ich mich so. Woran lag das? Konnte ich den Lauf des Lebens - der nun einmal mit dem Tod endet - nicht akzeptieren? War ich nicht erwachsen, nicht selbständig genug? Nach und nach stellte ich fest, dass es mehrere Faktoren waren, die zu diesem Gefühl hinführten. Zum einen die enge Bindung, die ich zu meiner Mutter hatte. Diese setzte sich zusammen aus der lebenslangen Unterstützung, die sie mir immer geboten hatte. Dem Gefühl der Verantwortlichkeit, dass ich in den letzten 10 Jahren ihres Lebens wahrgenommen hatte, während ich mich um sie gekümmert hatte. Es kam die Geschichte zwischen meinem Vater und ihr und uns Dreien hinzu. Und - ganz wichtig - die Liebe, die in meinem Herzen bestand und besteht. Was blieb war ein Loch in meinem Leben. In meinem Alltag. Unzählige Kleinigkeiten, die mit blinkender Leuchtschrift DU FEHLST in meinen Kopf schrieben. Irgendwann verstand ich, dass ich mich so fühlen durfte. Verwaist. Denn egal, wie alt ich war: mir fehlte es, Kind zu sein. Mir fehlte es, die Mutter an meiner Seite zu haben, die mich von Beginn an kannte. Die mich getröstet und umsorgt hatte, wenn ich krank war. Die mir Essigumschläge gemacht hatte, wenn ich fies juckende Mückenstiche hatte. Und in deren Umarmungen ich Schutz vor der Welt gesucht und gefunden hatte. "Du hast ja Glück, dass Du Deine Mutter so lange in Deinem Leben haben durftest!" Oh ja, das hatte ich wirklich. Und dass weiß ich. Und trotzdem darf ich mich ohne sie als verwaiste Tochter fühlen.



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